Das Gespräch mit Felix Wahala führte Frank Eckart am 25. Januar 2026.
Wie bist du nach Obsteig gekommen und warum hast du diesen Ort zu Deinem Lebensmittelpunkt gemacht?
Ich bin in Berlin geboren und als kleiner Junge lernte ich in Waidring und St. Johann i.T. das Skifahren. Nach dem Abitur habe ich hier eine Saison als Skilehrer gearbeitet und die hat mir so gefallen, dass ich in Tirol bleiben wollte. Hier kann ich auch meinen zwei Hobbys nachgehen – Ski und Fahrrad fahren. Aber meine Priorität liegt mehr beim Radsport. „Radfahren als Leidenschaft mit Bonus“ – sage ich immer.
Du hast im letzten Jahr an den Deaflympics, den Olympischen Spielen der Gehörlosen in Japan als Radsportler teilgenommen. Seit wann werden diese Spiele ausgetragen?
Seit 1924 – vor mehr als 100 Jahren fanden sie das erste Mal in Paris statt. Sie sind damit viel älter als die bekannteren Paralympics, die es erst seit 1960 gibt. Bei den Deaflympics sind nur gehörlose Athleten und Athletinnen am Start. Während der Wettkämpfe sind bei uns keine Hörgeräte zugelassen und so kommunizieren wir nur über visuelle Signale. Der Radsport ist eine von 21 Sportarten, die bei diesen Spielen in Tokio im November 2025 ausgetragen wurden. Insgesamt waren dort 2.800 gehörlose Sportler und Sportlerinnen aus 79 Ländern am Start.
Wie verliefen deine Radrennen bei den Deaflympics in Japan? Ich habe an vier Wettbewerben teilgenommen.
Begonnen hat es für mich mit dem Sprint, bei dem zwei Sportler gegeneinander fahren und es darum geht, wer zuerst die Ziellinie überquert. Die Strecke ist ein Kilometer lang. Dabei wird viel mit Taktik gearbeitet, dass man nicht zu früh nach vorne fährt und schaut, dass man den Gegner mit Finten überlistet. Da bin ich bis ins Achtelfinale gekommen. Am nächsten Tag fand das Punkterennen statt. Das ist ein relativ kurzes, sehr hektisches Rennen, wo es alle paar Runden Punkte gibt für die ersten Vier. Und wer am Ende des Rennens die meisten hat, der ist Gewinner. Dann gab es das Zeitfahren. Die Siegerzeit für die 25 Kilometer lange Strecke lag bei 40 Minuten, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 37,4 km/h entspricht. Der vierte Wettkampf war das Straßenrennen, das auf der gleichen Rundstrecke stattfand. Beim Zeitfahren fuhren wir fünf und hatten 700 Höhenmeter zu überwinden. Nun waren es zwanzig Runden für die 100 Kilometer und wir kamen auf 3.000 Höhenmeter. Ich hatte dabei das Gefühl, es geht nur bergauf! Beim Punkterennen wurde ich Achter, bei dem Zeitfahren Sechster und im Straßenrennen Zwölfter.
War Obsteig, wenn man auf das schaut, was dann in Japan an Höhenmetern zu leisten war, ein guter Ort für deine Vorbereitung auf die Olympischen Spiele der Gehörlosen?
Berge hoch und runter! Die Anstiege im Tiroler Oberland sind länger und gleichmäßiger als bei den Rennen in Japan. Dafür kann ich hier Abfahrten trainieren und war technisch sicherer sowie schneller als meine Konkurrenten. Auch arbeite ich im Winter in einer Höhe von über 2.000 Metern und wohne bei etwa 1.000 Metern. Dadurch war ich in Japan, wo der höchste Punkt der Rennen bei 350 Meter lag, natürlich leicht im Vorteil.
Wie wird man Mitglied der deutschen Nationalmannschaft?
Der Deutsche Gehörlosen Sportverband hat Trainer und Trainerinnen für die verschiedenen Sportarten. Und wenn man bei den Deutschen Gehörlosen Meisterschaften mit positiven Leistungen auffällt und die körperliche Fitness stimmt, hat man gute Chancen in den Kader aufgenommen zu werden. Wir hatten 2024 die Radweltmeisterschaft der Gehörlosen in Polen. Da habe ich sehr gut abgeschnitten. Einmal Vizeweltmeister im Punktefahren, einmal Vierter, einmal Siebter. Diese Platzierungen zeigten, dass ich bei der internationalen Spitze mitfahren kann. Man könnte denken, dass du ein Sportprofi bist. Was würdest du darauf antworten? Aktuell arbeite ich in zwei 30 Stunden-Jobs, um mir die Weltmeisterschaft 2028 und die Deaflympics 2029 vorzufinanzieren. Wir haben uns als Kader der Nationalmannschaft im letzten Jahr um Sponsoren bemüht und auch welche gefunden. Aber das deckt nicht mal ein Viertel der Jahresausgaben, die ich durch den Sport habe. Das würde heißen, finanziell bist du Amateur, was jedoch den Aufwand angeht, trainierst du schon professioneller. Ja, ich habe einen Trainingsaufwand von 15 bis 20 Stunden pro Woche. Dazu kommt aber noch das viele Drumherum, wie beispielsweise sechs bis acht Stunden Autofahrt zu den Rennen. Und so ist es natürlich auch mit anderen Dingen. Die Ernährung und der Schlaf müssen passen, das Material muss gepflegt und einiges organisiert werden, dass die Rennen stehen.
Was planst du sportlich für die Zukunft?
Im nächsten Jahr möchte ich bei den Gehörlosen Europameisterschaften und bei den Gravel Weltmeisterschaften sogar als ein gehörloser Athlet unter Athleten ohne Behinderung starten. 2028 sind die Gehörlosen Weltmeisterschaften, wo ich meinen VizeWeltmeistertitel verteidigen sowie weitere Podiumsplatzierungen erreichen möchte. Dann folgt mein sportlicher Höhepunkt – die Deaflympics in Athen. 2029 bin ich 31 Jahre alt und möchte, anders als in Japan, dieses Mal auf‘s Podest. Was hat dir in Japan besonders gefallen? Das war die Stimmung im Fahrerlager – ein sehr liebevolles Miteinander, auch zwischen den Nationen. Man hat sich füreinander interessiert, mit Material ausgeholfen, sich gratuliert, miteinander das Beste auf der Rennstrecke gegeben. Das war wirklich ein Fest für unsere kleine Radszene und den Leistungssport! Da habe ich auch gemerkt, dass viele Leute in Japan die Deaflympics mitbekommen hatten. Auch nach den Spielen haben mich die Leute dort gefragt, ob ich ein Athlet bei den Deaflympics war und mir gratuliert.
Wann merkst du deine Behinderung beim Sport?
Ich kann beim Fahrrad fahren nicht so gut mit den Leuten kommunizieren, da ich im Hörgerät fast nur den Fahrtwind höre. Durch meine Behinderung bin ich, um das Gleichgewicht zu halten, komplett auf die Augen und das Feedback meiner Muskeln angewiesen. Beim Skifahren ist das bei Tagen mit schlechtem Wetter eine echte Herausforderung. Bei beiden Sportarten muss ich ganz bestimmte Helme tragen, da viele von der Form her nicht mit dem Hörgerät kompatibel sind. Aber ohne Helm zu fahren, ist keine Option für mich! Und dann haben wir im Team bestimmte Gesten, unabhängig von der Gebärdensprache, für Taktiken im Rennen – zum Beispiel auf den Helm klopfen, steht für einen Defekt. Bei meiner Arbeit als Skilehrer und als Aushilfstrainer beim SK Obsteig fragen mich oft Kinder und Jugendliche, was ich da an den Ohren habe. Dann erkläre ich das und probiere dabei, ihnen die Berührungsängste gegenüber behinderten Menschen zu nehmen. Ihre Offenheit und Neugier sind natürlich sehr schön – man muss das fördern!
Was wünschst du dir für deinen Sport in der Zukunft?
Über meine sportlichen Ziele habe ich schon gesprochen. Ich wünsche mir, dass wir mehr Rücksicht im Straßenverkehr aufeinander nehmen, besonders da ich Autos, die von hinten an mich heranfahren, nicht hören kann. Auch möchte ich auf ein Sportereignis ganz in unserer Nähe aufmerksam machen. Vom 15. bis 24. Januar 2027 finden die Olympischen Winterspiele der Gehörlosen in Innsbruck und Seefeld statt. Es würde mich einfach freuen, wenn die ganze Region dieses internationale Großereignis des Behindertensports unterstützt und auch viele Einwohner von Obsteig sich die Wettkämpfe anschauen.